Ein außergewöhnliches Dachfenstererlebnis

Wenn ich mich kurz vorstellen darf?

Bei den Dachfenster-Rettern arbeite ich eigentlich im Büro und bin überwiegend für die Auftragsannahme und Kundenberatung zuständig. Ich führe erste Fehleranalysen am Telefon oder per E-Mail durch, um zu erkennen, welche konkreten Defekte die Kund*innen an Ihren Dachfenstern haben vorliegen. Dadurch ersparen wir uns meistens eine separate Anfahrt zur Schadensaufnahme und können die Reparaturen schneller, nachhaltiger und kostengünstiger ausführen. Des Weiteren bestelle ich das benötigte Material, kümmere mich um den Wareneingang und bin erster Ansprechpartner, wenn es darum geht, die Bürokatzen mit Streicheleinheiten zu verwöhnen.

Eigentlich deshalb, weil ich bei diesem Auftrag nicht nur die von mir gewohnten Tätigkeiten ausführe, sondern zusätzlich eine für mich, außergewöhnliche und aufregende Position beim Kunden vor Ort bekleiden werde.

# 1 Der Kundenwunsch

Unser Interessent wünscht sich, dass insgesamt neun Dachfenster auszutauschen sind. Der Tausch solle doch bitte in zwei zeitlich versetzte Tranchen aufzuteilen sein. Durch eine eingehende Beratung dahingehend, dass eine Förderung für 3-fach-verglaste Dachfenster nur einmal beantragt werden kann, und die Gesamtfördersumme entsprechend höher ausfällt, wenn alle Dachfenster gewechselt werden, konnte ihn unser Betriebsleiter davon überzeugen, dass dieses Vorhaben auch in zwei aufeinander folgenden Tagen möglich ist.

# 2 Wir erkennen das Projektausmaß

Was sich als "ganz normaler" Dachfensteraustausch ankündigt, entwickelt sich bei näherem Hinsehen als ein sehr ambitioniertes Projekt. Peu à peu kommen die tückischen Details zum Vorschein. Die Dachfenster befinden sich nicht nur im 5. Stock eines Mehrfamilienhauses (verteilt auf drei Hausseiten), auch die Dachneigung, die mit 70° - 75° extrem steil ist, kommt erschwerend dazu. Einen Austausch von innen müssen wir aufgrund dieser Gegebenheiten ausschließen. Die Sicherheit und Gesundheit unserer Mitarbeiter hat oberste Priorität. Zudem besteht die nicht zu unterschätzende Gefahr, dass ein Fensterflügel, beim Hineinheben in den Fensterrahmen, von den Monteur:innen nicht gehalten werden kann, 20 Meter in die Tiefe stürzt und unter uns zerschellt. Dieses Risiko dürfen und wollen wir nicht eingehen.

 

 

# 3 Manchmal kommt es anders als man denkt

Unsere erste Angebotsversion enthält den Einsatz eines Steigers sowie eines Krans. Warum? Mit dem Kran sollen die Fenster an Ort und Stelle gebracht werden und mit dem Steiger soll ein Mitarbeiter von außen die Kolleg*innen im Inneren unterstützen.

Die Stadtverwaltung Ditzingen hatte uns zur Platzierung des Steigers eine Genehmigung für die dafür notwendige Sperrung des Gehsteig und einer Straßenhälfte in Aussicht gestellt. Aufgrund einer längeren Bedenkzeit des Kunden und anschließender schwieriger Witterungsverhältnisse vergehen einige Wochen. Als sich der Kunde wieder meldet und und grünes Licht für die Umsetzung des Projekts erteilt, hat sich die Situation vor Ort entscheidend verändert.

Auf dem Foto, das er uns schickt, erkennen wir zu unserem Entsetzen eine "kleine" Baustelle direkt gegenüber dem Objekt. Die Stadt hat in der Zwischenzeit mit dem Neubau eines Busbahnhofs begonnen und bereits eine riesige Baugrube ausgehoben. Wir ahnen Schlimmes und werden schon bald darauf darin bestätigt: Die Stadtverwaltung verweigert uns nun aus verkehrstechnischen Gründen die notwendige Genehmigung für die Teilsperrung und damit für das Aufstellen des geplanten Steigers. Also, noch mal von vorn. Wir müssen das ganze Projekt neu überdenken.

 

# 4 Geht nicht, gibt's nicht!

Die "kleine" Baustelle direkt gegenüber dem Objekt des Kunden erfordert viel Kreativität und erneuten Planungseinsatz.

Das Ergebnis unserer Überlegungen: Zwei Krane müssen her. Einer, um die Dachfenster und ein zweiter, um einen Mitarbeiter*in in einem Personenkorb an Ort und Stelle, d.h. an die auszutauschenden Dachfenster im 5. Stock zu transportieren. Doch beim Vor-Ort-Termin stellt sich heraus, dass das Stellen von zwei Kränen im zum Objekt gehörenden Hinterhof aus Platzgründen nicht möglich ist. Außerdem wären wir mit dem zweiten Kran nicht über das Dach an die am weitesten entfernten Fenster gelangt. Somit bleibt - als letzte Möglichkeit - nur die Variante, den Austausch mit einem Kran zu stemmen.

Gesagt, getan. Unser Engagement und neues Angebot, wird vom Kunden dankend angenommen. Hatte er zuvor doch bereits bei drei anderen Firmen angefragt, die ihm unisono bescheinigten, dass dieses Projekt nur mit dem Aufstellen eines Gerüsts zu bewerkstelligen wäre. Natürlich sind wir stolz darauf, dass wir unser Motto "Geht nicht, gibt's nicht!" hier wieder einmal bestätigen können.

# 5 Vom Büromanager zum Kranführer

Der Tag des Einbaus rückt näher und es ist an der Zeit sich um die Personalplanung zu kümmern. Klar ist, dass unsere Monteure:innen und unser Betriebsleiter für den Austausch vor Ort sein werden. Aber da fehlt noch eine Arbeitskraft. Wer soll den Kran bedienen? Nach kurzer Beratung im Team fällt die Wahl auf mich. Ich, der im Büro die Fäden zusammenhält, die Kunden berät und die Auftragsabwicklung koordiniert.

 

Meine ersten Schritte als Dachfenster-Retter begannen im Juli 2020. Die Dachfenster-Retter hatten sich auf dem Markt etabliert. Die Auftragslage war exzellent und die Nachfrage stieg stetig. Das Telefon stand nicht mehr still, es musste dringend Personal aufgestockt werden. Zuerst musste ich mich mit dem völlig neuen Repertoire an Begrifflichkeiten auseinandersetzen. Bisher ungekannte Fachbegriffe wie Ausstellarme, Flügelbleche, Eckumlenkungen, Bolzenlager, Gleiterführungen, Gasdruckfedern und viele andere wirbelten in meinem Kopf umher. Hinzu kamen jede Menge Dachfenstermodelle in unterschiedlichen Größen und Verglasungen. Von den Zubehörprodukten ganz zu schweigen: Rollläden, Markisen, Screens, Sichtschutzrollos, Verdunklungsrollos, Jalousien, Wabenplisees, Jalousetten, Faltstore und mehr. Inzwischen ist das mein Alltag. Und nun, Kranführer?!

Mit Spannung und Vorfreude, aber auch einer gehörigen Portion Respekt sehe ich der neuen Aufgabe entgegen. Ein K700 mit einer maximalen Auslegerlänge von 34,5 m wird nun also für zwei Tage mein Betätigungsfeld. Im extra für uns gesperrten Innenhof können wir den Kran aufstellen. Und wenn unsere Berechnungen stimmen, dann kommen wir damit über das komplette Dach an die Fenster auf der gegenüberliegenden Hausseite. Meine Aufgabe ist es nun, die neuen Fenster mit Hilfe des Krans an Ort und Stelle zu befördern, damit meine Kolleg:innen diese einbauen können. Eine ausführliche Einweisung am Wagen und für die Bedienung des Krans habe ich absolviert. Nachdem wir des Fahrzeug justiert und gesichert haben, ich mich mit der Bedienung der Kran-Fernsteuerung vertraut und meine PSA (Persönlichen Schutzausrüstung) angelegt habe, geht es los.

 

# 6 Der Austausch der Roto-Dachfenster

Zuerst müssen die Fenster und Zubehörteile, die wir vorab in der Tiefgarage des Kunden gelagert hatten, in den Hinterhof geschafft werden. Mit Hilfe eines Hubwagens und ordentlich Muskelschmalz - schließlich sind die 3-fach-verglasten Dachfenster schwer und die Tiefgaragenauffahrt steil - wird die Ware zum Kran geschafft und ausgepackt, um dann auf dem "Luftweg" zum Austauschort transportiert zu werden. Zum Glück steht mir unser Betriebsleiter während den ersten Hebeversuchen hilfreich zur Seite. Seine Tipps sind Gold wert.

Nachdem das erste Fenster installiert ist, haben wir den Dreh raus. Jeder weiß, was er zu tun hat. Nach dem zweiten Fenster funktionierte alles wie am Schnürchen. Altes Fenster ausgebaut, am Kran eingehakt, in den Hinterhof ablassen. Neues Fenster hochfahren, einbauen und währenddessen die alten Fenster im Hof auf den mitgebrachten Hänger zur Entsorgung aufladen. Ebenfalls zeitgleich zum Einbau der Fenster werden die solarbetriebenen Markisen und Rollläden im Hinterhof vormontiert, sodass diese nur noch auf das eingebaute Fenster platziert und befestigt werden müssen. Alles in allem ist unser Ablauf an Effizienz kaum zu toppen. Eine besondere Herausforderung ist die Schlussverblechung des Daches und die genagelten Ziegel. Aber dank der Erfahrung und Sorgfalt unserer Monteur*innen meistern wir zügig auch diese Klippe. Nicht zuletzt, weil wir auch durch unseren Auftraggeber mit Kaffee, Wasser und Butterbrezeln bestens verköstigt werden.

Ein paar Worte zu meiner Gefühlslage: Die Fenster am Seil des Krans in ca. 20 m Höhe schwankend hängen zu sehen, verursacht mir hin und wieder schon ein etwas mulmiges Gefühl. Was, wenn die Haltelaschen am Fenster nicht das halten, was sie sollen? Was, wenn der zum Äußersten ausgefahrene Arm einknickt oder gar der ganze Kran umkippt? Der aufkommende Wind und das Knarzen des Auslegers machen es mir nicht einfacher, diese Gedanken zu verdrängen. Und die Tatsache, dass ich von meiner Position aus nicht sehen kann, wie groß der Abstand des am Haken hängenden Fensters zum Dach ist, erfordert ebenfalls eine gewisse Coolness. Doch die gute Einweisung macht sich bezahlt. Alles läuft rund und ich fühle mich mehr und mehr wie ein "echter" Kranführer. Das perfekte Wetter sorgt außerdem dafür, dass wir trotz der vollen Konzentration auf dieses anspruchsvolle Projekt, diesen Tag und vor allem die Aussicht über den Dächern von Ditzingen auch ein bisschen genießen können.

 

# 7 Ein super Ergebnis. Ein sehr zufriedener Kunde.

Mein Fazit: Zwei Tage harter Arbeit liegen hinter uns. Aber es hat sich gelohnt. Ich konnte sehr viele neue Erfahrungen sammeln, wir haben als Team hervorragend zusammengearbeitet und einen außergewöhnlichen Einsatz mit Bravour abgeschlossen. Aber vor allem, und das ist für uns immer das Wichtigste: Der Kunde ist vollauf zufrieden! Sowohl mit dem Ergebnis, als auch damit, dass wir - allen Unkenrufe zum Trotz - dieses Mammut-Projekt in nur zwei Tagen vollendet haben. Ich bin stolz auf unser Dachfenster-Retter-Team ... und da gehöre ich ja auch dazu. 😉

Unser Film zum Beitrag

…wir freuen uns über jeden, der unserem YouTube-Kanal folgt! 😉

# 8 Mein Fazit

Auch mir wird diese Baustelle in lebhafter Erinnerung bleiben. Bei Sonnenschein zwar nicht über den Dächern von Nizza aber von Ditzingen zu stehen und einen Kran bedienen, lassen die Kindheit wieder aufleben.